Tradition & Moderne
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5.000 JAHRE UND EIN GUTER MOMENT

Die Zukunft verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Rechtzeitig zum Weltspektakel Olympische Spiele hüllt sich Chinas Hauptstadt Peking in ein neues Cyber-Kleid der Zukunft. In der Ming- und Qing-Dynastie, deren Hauptstadt Peking zwischen 1421 und 1911 ununterbrochen war, durfte kein neues Gebäude höher als die Verbotene Stadt, die gewaltige Residenz der Himmelssöhne, im Herzen der „Nördlichen Hauptstadt“ gebaut werden. Jede Zuwiderhandlung wäre ein unverzeihlicher Verstoß gegen die Würde des Kaisers und der eigenen Tradition gewesen. Damals dominierte in China nur eine Zeitform: die Vergangenheit. Geschichte dominierte die Gegenwart. Geschichtschreiber wie Sima Qian (145 – 90 v. Chr.), der Herodot Chinas, waren führende Beamte am Kaiserhof. Ein fossilierter Konfuzianismus bestimmte mit wenigen Unterbrechungen seit der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) das Denken und Handeln der Menschen, ihre Einstellung zu Verwandten, Freunden und Offiziellen. Im Zentrum stand der Kult um die Gewesenen, die Ahnen. Wer in diesem System etwas werden wollte, musste die Kapazitäten seines Hirns bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit ausreizen, um abertausende von Seiten uralter Literatur in sich aufzunehmen. Es galt Geschichte zu reproduzieren und diese dann in Form komplizierter Essays auf die Gegenwart anwenden zu können.


KONFUZIUS HOCH IM KURS

Die Regierung hat das Problem der verflüchtigten Geschichte, deren Flucht sie durch kühne Fünf-Jahres-Pläne für die Zukunft immer wieder mit verursacht hat, erkannt. Chinesische Kulturphilosophen warnen vor der Selbstentfremdung der Chinesen. Neue Bildungskampagnen erhöhen den Druck auf die Kinder Chinas. Konfuzius steht wieder hoch im Kurs. Die Regierung versucht den alten „Kulturstolz“ der Kaiserzeit mit dem Nationalstaatsdenken der Gegenwart zu verknüpfen. Sie nennt das guoxue, die Lehre von eigenen Land. Hunderte uralter Tang- Gedichte dringen in die Köpfe von Sechsjährigen, die Schulfibel der Kaiserzeit, der „Drei-Zeichen-Klassiker“ (sanzijing) soll parallel neben dem Einmaleins und ersten Englisch-Vokabeln das kulturelle Wissen der Schüler bereichern. Zeit zum Nachdenken über das Gelernte bleibt allerdings nicht.
  ZWISCHEN STOLZ UND VERÄNDERUNG

Das 20. Jahrhundert war die Geburts-Epoche der chinesischen „Nation“. Vorher gab es nur eine alles umschließende „chinesische Kultur“. Bürgerliche, kommunistische und wirtschaftliche Revolutionen ließen das Ausland und damit eine (fremde) Zukunft hinein in das verstaubte Reich der Mitte. Angefangen mit der bürgerlichen Revolution des Sun Yatsen, seiner Begeisterung für die englische Verfassung und das dazugehörige Bildungssystem, Maos von Moskau aus inspierierte Revolution und später das chinesische Wirtschaftswunder, das von 1979 bis heute anhält, verdrängten die Geschichte aus den Köpfen der Chinesen.
Gerade die letzte Periode der chinesischen Geschichte, die Reform- und Öffnungspolitik seit 1979, hat China viel einschneidender verändert als Maos Rote Garden es während der Kulturrevolution (1966-76) je vermochten.
Chinesische Städte haben keine Geschichte mehr – zumindest keine sichbare. Sie sind kopierte Einheitssiedlungen aus Beton, Stahl und Glas, die auf den Trümmern einst von Kulturgeschichte belebter Baute sich in den Himmel recken. Alte Bauwerke, die erhalten blieben, sind zu Museen entrückte Artefakte der Vergangenheit namens Verbotene Stadt, Himmelstempel oder Bund, jene Shanghaier Kolonialmeile englischen Stils.
Die meisten Chinesen beteuern, dass sie stolz auf „ihre Geschichte“ seien. Sie haben das feste Schlagwort gelernt, dass diese uralt sei und 5.000 Jahre umfasse. Ob das historisch korrekt ist, spielt in China – anders als im „verkopften“ Deutschland – kaum eine Rolle. Diese Grundhaltung gilt auch für die sogenannte „Vergangenheitsbewältigung“, die nirgends auf der Welt das Bewusstsein für die eigene Geschichte derart bestimmt hat wie in Deutschland. Anders als hier werden dort die finsteren Kapitel der jüngeren Geschichte, die Kulturrevolution etwa, nur wenig diskutiert. Schulstoff sind sie so gut wie überhaupt nicht oder werden in Formeln gegossen, die da lauten „der Genosse Mao Zedong war zu 70 Prozent gut und zu 30 Prozent schlecht“. Oder: „Schuld waren Kang Sheng und die Viererbande“. Fertig. Abgehakt. Diskussionen über Mitschuld oder gar Kollektivschuld wie im entnazifizierten Deutschland gibt es nicht. Schließlich gab es auch keine „Entmaoisierung“, sondern einen großen Sprung hinein in das Wirtschaftswachstum der Gegenwart.

 

 

DIE GEGENWART GENIEßEN

Dabei lieben Chinesen das Verweilen in der Gegenwart, früher genauso wie heute. Sie sind wahre Meister in de Kunst, einen „guten Moment“ zu genießen. Wer genießen kann, für den kann auch das Vergangene wieder interessant werden. Er beginnt sich vielleicht zu fragen, was hinter den wunderbaren Ornamenten steckt, die er gerade in dem zu einem Freilichtmuseum umfunktionierten alten Dorf gesehen hat. Er beginnt vielleicht darüber nachzudenken, was sich hinter der Kunst, die Vielfalt des Tees zu entdecken, eigentlich verbirgt oder warum in der eigenen Sprache neben den Anglizismen noch immer so viele Sentenzen aus einer längst vergangenen Lingua, der alten Gelehrtensprache (wenyan), erhalten sind. Was China und wohl nicht nur China dringend benötigt, ist Zeit, seine Gegenwart zu verstehen und zu verdauern. Dann kehrt auch die Geschichte zurück. Ganz natürlich und in viel leichterem Gewande als in der längst vergangenen Vergangenheit.

 

 

Marcus Hernig
Jahrgang 1968, lebt seit 1992 in China.
Viele Jahre arbeitete der Sinologe und Germanist im chinesisch-deutschen Bildungs- und Kulturbereich.
Seit 2007 ist er als Trainer, Berater und Autor tätig.
Er leitet chinesisch-deutsche Programme für Unternehmen und Bildungseinrichtungen und ist außerplanmäßiger Professor an der Zhejiang-Universität in Hangzhou.


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