| MACHTVERLUST IN WESTEN
Wie haben sich die Venezianer gefühlt, als ihr Hafen allmählich leerer wurde, weil für die neuen Seefahrermächte Portugal, Niederlande und England Venedig nicht mehr auf dem Weg lag? Wie haben sich die Engländer gefühlt, als jenseits des Kanals die Lichter angingen und sie von der damaligen „New Economy“ Deutschlands herausgefordert wurden? Wie hat sich der deutsche Adel gefühlt, als ihm die jungen Industriellen Bankiers und Warenhausbesitzer Stück für Stück seine über Jahrhunderte hinweg angestammte Macht abnahmen?
So wie sie fühlen sich die Deutschen, die führende Wirtschaftsmacht Europas, seit Beginn des 21. Jahrhunderts, aber auch ihre Nachbarn und mehr noch die Amerikaner, die amtierende Weltmacht. Auch sie wollen den Wandel der Welt nicht wahrhaben, obwohl sie Protagonisten eines gewöhnlichen Vorgangs der Geschichte sind Zum ersten Mal, seit westliche Seefahrer alle Herren Länder erobert haben, kann der Westen die Spielregeln der Welt nicht mehr bestimmen.
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CHINAS STRATEGIEN
China erobert die Welt mit zwei großen Bewegungen: Mit der Machttechnik der „Konkubinenwirtschaft“ lockt das Land die starken westlichen Unternehmen zu sich, um sie auf dem eigenen Platz zu schlagen oder zu kontrollieren. Wie viel Technologie gibt der Westen dafür, dass die Chinesen ihm etwas von ihrem Markt abgeben?
Mit einer zweiten Bewegung ziehen die Chinesen die Ölländer auf ihre Seite. China muss unter allen Umständen den Nachschub an Bodenschätzen sichern, damit die boomende Wirtschaft nicht einbricht und soziale Unruhen aufflackern. In Zentralasien, im Nahen Osten und in Afrika entreißt es die Länder dem Einflussbereich des Westens, indem es ihnen Aufschwung verheißt: Gegen niedrige Kredite bietet China an, die Infrastruktur aufzubauen, und bekommt dafür Bodenschätze.
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EIN GLOBALER TREND
Chinas „Mutter-Courage-Ökonomie“ ist die mächtigste asiatische Eroberungsbewegung seit Dschingis Khan. Sie ist nur friedlicher, umfassender und nachhaltiger. Aber sie birgt auch Risiken. Auch Mutter Courage hat beim Geschäftemachen ihre Kinder eingebüßt. Wir kennen den Preis noch nicht, den China bezahlen muss. Dennoch ist bereits abzusehen: Wir stehen am Beginn eines neuen globalen Trends, eines Trends, der die Welt für die Mehrheit der Menschen wahrscheinlich lebenswerter macht, den Westen jedoch vor die bisher größte Herausforderung stellt. Zum ersten Mal in der Geschichte sieht er sich einem ernsthaften Konkurrenten gegenüber – und plötzlich relativiert sich alles: unser wirtschaftlicher und politischer Einfluss und nicht zuletzt die westliche Wertorientierung.
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