3000 JAHRE CHINESISCHE LITERATURLiteratur in China ist nicht nur an die Sprache, sondern in besonderem Maße zugleich an die chinesische Schrift gebunden. Denn anders als bei allen Buchstaben- und Silbenschriften ist hier das Zeichen selbst Bedeutungsträger. Dies ist der Grund dafür, dass die Einheit und die Vielfalt der chinesischen Kultur an die Schrift geknüpft sind. Und damit hängt wiederum zusammen, dass außer China keine Kultur eine über mehr als drei Jahrtausende währende ununterbrochene literarische Tradition vorzuweisen hat. Sie bildet zugleich das Erbe und damit die Basis der kulturellen Identität und der geistigen Orientierung eines Drittels der Menschheit. LIEDER UND LITERATEN Die ersten Zeugnisse finden sich auf Ritualgefäßen und auf Orakelknochen, und Orakel, Beschwörungen, Chroniken, Ritualgesänge, Mythen, Befehle und Gesetzestexte bilden die ersten literarischen Zeugnisse. Bald aber traten auch Lieder, Märchen und kunstvolle Erörterungen hinzu. Insbesondere die Bürokratisierung des Chinesischen Reiches brachte es schon früh mit sich, dass zahlreiche Texte verfasst wurden, die dem Bedürfnis nach Schriftlichkeit einer jeden Verwaltung entsprechen. Es war eines der besonderen Merkmale der Kultur des traditionellen China, dass die Literatenschicht, aus der sich die Beamtenschaft rekrutierte, Jahrhunderte hindurch an einem umfassenden Bildungsideal festhielt. |
| Dabei war die chinesische Kultur trotz ihrer Geschlossenheit einem ständigen Wandel unterworfen, und dieser Wandel spiegelt sich nicht nur in der Literatur, sondern die Literatur selbst ist eines der wichtigsten Auskunftsmittel, um über den Ablauf des Wandels Genaueres sagen zu können. Die vorherrschende Rolle der sich zumeist in der konfuzianischen Tradition verstehenden Literaten wird relativiert durch die Tradition der bisher in der Literaturgeschichtsschreibung wenig beachteten daoistischen und buddhistischen Prosaliteratur und Dichtung, der manche der Literaten viel näher gestanden zu haben scheinen, als sie öffentlich bekundeten. |
| SPIEGEL DER KOSMISCHEN ORDNUNG Ansätze zu einer Aufspaltung der Literatur in schöne Literatur einerseits und Fach- oder Gebrauchsliteratur andererseits finden sich in China sehr früh. Doch hat es gegen eine Verengung des Literaturbegriffs immer wieder Einwände gegeben, die sich vor allem auf das Argument beriefen, dass Literatur die kosmische Ordnung repräsentiere oder widerspiegele und dass man diese eben nur als Ganzes respektieren und nicht teilen könne. Vieles, was einmal beliebt war und weit verbreitet, ist im Laufe der Zeit wieder vergessen oder absichtlich unterdrückt worden, doch zumeist nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Und manches davon ist später wieder ans Licht gebracht worden. Zu den spektakulärsten und für die Kenntnisse der literarischen Entwicklung in China folgenreichsten Entdeckungen zählen die in der Oase Dunhuang (Provinz Gansu) zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemachten Textfunde. |
| INSPIRATION UND UNTERHALTUNG Eine Neubewertung der literarischen Traditionen unternahmen die Reformer und Revolutionäre im 20. Jahrhundert. Infolge der Demütigungen Chinas durch die europäischen Mächte und durch Japan wandten sich vor allem die Gebildeten von den bis dahin hochgehaltenen Traditionen ab und suchten innerhalb der vielfältigen Überlieferung ihres Landes nach Spuren und Zeugnissen, auf die sie sich bei der Modernisierung Chinas berufen könnten. Wie jede Literatur so war auch die chinesische abhängig von den Techniken ihrer Vervielfältigung und Verbreitung. Daher sind die Vervollkommnung der Technik des Holzplattendrucks und die Erweiterung des Bildungswesens an der Wende vom ersten wachsender Bedarf an Unterhaltung in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen, waren es doch erst diese neuen Möglichkeiten, welche die Voraussetzungen für das Erscheinen umfangreicherer Werke bis hin zu Romanen für ein Lesepublikum bildeten. Diese Öffentlichkeiten erweiterten sich dann um das Jahr 1900 um ein Vielfaches. Doch stärker noch als der Drang zur Gestaltung von gänzlich Neuem war lange Zeit das Bedürfnis nach Übernahme und Kennenlernen der westlichenLiteraturen. Inzwischen scheint eine Suche nach neuen eigenen Formen einzusetzen, und die Literatur Chinas beginnt sich auf allen Ebenen in den globalen Literaturdiskurs einzubringen. |
| LITERATUR UND POLITIK Die in China seit frühester Zeit bestehende enge Beziehung zwischen Literatur und Politik hat sich bis heute nicht gelockert, ja sie ist gerade in den letzten Jahrzehnten erneut besonders betont worden, in denen die Literatur ganz in den Dienst der Politik gestellt wurde. Strömungen, die eine Befreiung aus dieser engen Bindung suchen und die gegenwärtig zum Teil nur im Verborgenen verfolgt werden können, finden ihre Anregungen und Orientierungen zwar auch in den Literaturen anderer Kulturen, in erheblichem Maße aber weiterhin in der großen und vielfältigen eigenen literarischen Überlieferung, die – wie schon in der Vergangenheit – der Nährboden für neue, heute noch nicht vorhersehbare Entwicklungen auf dem Gebiet der Literatur und des Geisteslebens in China werden könnte. Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer |